zurück zur Übersicht Todesopfer

8. Oktober 1999 — 37 Jahre

Hans-Werner Gärtner (37) wird am 8. Oktober 1999 in Löbejün von drei Rechten tödlich misshandelt.

Der 37-jährige Hans-Werner Gärtner wird in der Nacht zum 8. Oktober 1999 in Löbejün (Saalekreis) von einem rechten Trio im Alter von 24 bis 27 Jahren zu Tode gequält. Die Täter hatten ihr Opfer, der wegen einer leichten geistigen Behinderung dorfbekannt war, schon zuvor mehrfach misshandelt.

Als „Dorfdepp“ verspottet

Bekannte schildern Hans-Werner Gärtner als freundlichen, schüchternen Mann, der nach einer Gehirnhautentzündung im Jugendalter eine leichte geistige Behinderung davon getragen hatte und deshalb oft zu vertrauensselig gewesen sei. Dennoch gelang es Hans-Werner Gärtner, erfolgreich die Schule und eine Gärtnerlehre abzuschließen und sein Leben überwiegend selbstständig zu meistern. In dem knapp 2.200 Einwohner_innen-Dorf war er aufgrund seiner geistigen Einschränkungen weithin bekannt. Einige Zeit vor seiner Ermordung hatte er eine feste Anstellung verloren und verbrachte daher viel Zeit damit, seinem ebenfalls in Löbejün wohnenden Onkel bei dessen kleiner Landwirtschaft zu helfen und Futter für dessen Kleintiere auf öffentlichen Grünflächen, aber auch in Lebensmittelcontainern zu sammeln.

Diskriminierung und Gewalterfahrungen im Alltag

Der Alltag von Hans-Werner Gärtner war jedoch auch von Beleidigungen als „Dorfdepp“ und Diskriminierungen geprägt . Insbesondere zwei seiner späteren Mörder, zwei 27-jährige Männer aus Löbejün, die im Dorf dafür bekannt waren, dass sie mit Baseballschlägern, Schlagstöcken und Springerstiefeln immer wieder mit Gewalt gegen Schwächere vorgingen,  hatten den 37-Jährigen in den Sommermonaten des Jahres 1999 mehrfach gequält, wenn sie Hans-Werner Gärtner mit seinem auffälligen Fahrradanhänger im Dorf beim Sammeln von Grünzeug und Lebensmittelresten für die Tiere seines Onkels antrafen.  Am 5. August 1999, zwei Monate vor dem Mord, hatten die beiden 27-Jährigen Hans-Werner Gärtner zufällig im Dorf beim Futtersammeln angetroffen. Zunächst erniedrigten sie ihn verbal, dann kippten sie dessen beladenen Fahrradanhänger um prügelten schließlich mit einem Schlagstock mit Eisenkette auf den wehrlosen 37-Jährigen ein. Als Hans-Werner Gärtner aufgrund der heftigen Schläge zu Boden ging, traten und schlugen Jens S. und Steffen F. weiter auf ihn ein und schrien dabei „tot, tot, tot“. Schließlich gelang es Hans-Werner Gärtner, zu flüchten. Er musste mit einer schweren Gehirnerschütterung und Prellungen am ganzen Körper mehrere Tage stationär behandelt werden und stellte dann mit Unterstützung seiner Sozialarbeiterin Strafanzeige gegen die beiden Täter in der Hoffnung, von der Polizei vor deren Gewalt geschützt zu werden.

Ein stundenlanges Martyrium

Am 7. Oktober 1999 vernahmen deshalb Polizeibeamte Steffen F.  als Beschuldigten, der dabei erfuhr, dass auch gegen Jens S. ermittelt wurde und sich gegenüber Freunden und seinem Mittäter lautstark darüber beschwerte. Knapp 24 Stunden später, um 1Uhr morgens am 8. Oktober 1999, trafen die beiden Angreifer dann gemeinsam mit dem 24-jährigen Jens B. aus Halle/S. beim nächtlichen Alkoholkauf an einer Tankstelle am Ortsrand von Löbejün überraschend erneut auf Hans-Werner Gärtner, der dort ebenfalls Bier einkaufen wollte.  Dem 37-Jährigen gelang es nicht mehr, mit dem Fahrrad vor den drei Männern zu flüchten. Nachdem sie ihr Opfer eingeholt hatten, schlugen sie ihn – um sich für die Strafanzeige zu rächen – erst zu Boden und misshandelten den Wehrlosen dann im Bereich der Tankestellen-Waschanlage mit Fußtritten ins Gesicht, offenbar ohne dass die Tankstellen-Angestellte etwas bemerkt. Anschließend schleiften sie den schon sichtlich verletzten Hans-Werner Gärtner zu einem nahegelegenen Gully, stießen ihn dort in das lediglich 1,50m tiefe Loch hinein und schoben dann den eisernen Gullydeckel wieder zu.

„Den bringen wir um, der ist nicht lebensfähig,“

Als sie den völlig verängstigten, blutenden und durch das Abwasser verschmutzten Hans-Werner Gärtner schließlich wieder aus dem Gully herauszogen, erniedrigte das rechte Trio ihn mit den Worten, er „stinke“ und müsse „gesäubert“ werden. Der erste Plan, Hans-Werner Gärtner in die Waschanlage der Tankstelle zu zwingen, scheitert daran, dass die Anlage in den Nachtstunden ausgeschaltet ist. Daraufhin zwängt das Trio den blutenden Mann in den Kofferraum des Autos von Jens B. und fährt zum Löbejüner Steinbruch. Dort schmissen sie Hans-Werner Gärtner ins eiskalte Wasser. Panisch versuchte Hans-Werner Gärtner, der nicht schwimmen konnte, an das Podest zu gelangen, von dem aus die Täter ins Wasser gestoßen hatten. Jedes Mal, wenn er versuchte, sich dort festzuhalten, traten die Täter auf sein Gesicht und seine Hände ein. Als es Hans-Werner Gärtner schließlich doch gelang, sich auf das Podest hochzuziehen, blieb er völlig erschöpft und verletzt darauf liegen. „Den bringen wir um, der ist nicht lebensfähig,“ habe Jens S. daraufhin geäußert, erklärten seine Mittäter später im Prozess am Landgericht Halle. Hans-Werner Gärtner habe um sein Leben gefleht, erinnerten sich die Angreifer später.

Da sie davon ausgingen, dass der schwer verletzte, völlig durchnässte und frierende Hans-Werner Gärtner sie wegen der Misshandlungen anzeigen würde, beschlossen sie, ihn „loszuwerden“. Die drei Männer zwangen Hans-Werner Gärtner erneut in den Kofferraum des Autos, fuhren einer Kiesgrube am Wörbziger See, zerrten ihn dort auf den Boden, schlugen seinen Kopf mehrfach gegen eine Absperrschranke aus Metall und entschieden dann, Hans-Werner Gärtner zum Sterben auf einem Feldweg am Ortsrand auszusetzen. Dort angekommen, traten die drei Männer circa zehn Minuten gemeinsam auf den Kopf und den Oberkörper von Hans-Werner Gärtner ein, um ihn dann zum Sterben zurückzulassen. Der 37-Jährige erlag in den frühen Morgenstunden seinen schweren Schädelverletzungen und Prellungen am ganzen Körper. Wenige Stunden später fanden zwei Traktorfahrer seine Leiche. Sein Gesicht sei eine einzige „blutende Masse“ gewesen, erklärten die beiden Zeugen später vor Gericht.

„Nicht verdient zu leben“

Vor dem Landgericht Halle/S. begann dann am 4. Mai 2000 der Prozess gegen Jens F., der von Anfang an als Haupttäter galt sowie Jens B. und Steffen F. Die Staatsanwaltschaft Halle hatte die drei Männern zunächst lediglich wegen Totschlags angeklagt. Im Prozess wurde dann auch das extrem rechte Weltbild insbesondere von Jens F. deutlich, der nach der Entdeckung des Toten und während der laufenden Fahndung gegenüber seinen Mittätern erklärt hatte, Hans-Werner Gärtner sei ja ohnehin „nicht normal“ gewesen und habe es deshalb „nicht verdient zu leben“.

Nach 24 Verhandlungstagen verurteilte das Landgericht Halle alle drei Täter schließlich am 20. September 2000 zu lebenslangen Freiheitsstrafen wegen Mordes. Die Revision der Angeklagten gegen das Urteil verwarf der Bundesgerichtshof im Oktober 2001.

Kein Gedenkort

Während des Prozesses um den Mord an Hans-Werner Gärtner berichtete die Regionalpresse ausführlich über die Qualen des Opfers und die Kaltblütigkeit der Täter. Knapp 15 Jahre nach dem Mord an dem 37-Jährigen erinnern sich in Löbejün jedoch nur noch wenige Einwohner an Hans-Werner Gärtner. Einen Ort des Gedenkens gibt es in dem Dorf bislang nicht.

Hans-Werner Gärtner wird seit dem Jahr 2012 durch die Landesregierung offiziell als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt.