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16. August 2008 — 20 Jahre
Locals Protest Neo-Nazi Murders

Rick Langenstein (20) wird am 16. August 2008 in Magdeburg von einem 19-jährigen Neonazi erstochen.

Nach dem Besuch einer Diskothek in Magdeburg-Reform wird der 20-jährige Rick Langenstein in der Nacht zum 16. August 2008 von dem unter anderem wegen einer rassistisch motivierten Körperverletzung und Volksverhetzung vorbestraften Neonazi Bastian O. mit unzähligen Schlägen und Tritten tödlich misshandelt.

Kunststudent und Sportler

Freundinnen und Freunde beschreiben Rick Langenstein als lebenslustigen, nachdenklichen und fürsorglichen jungen Mann, der gerne Sport trieb und durch seine ungewöhnliche Begabung als Maler auffiel. Rick Langenstein hatte ein knappes Jahr vor dem Mord sein Abitur am Sophie-Scholl-Gymnasium absolviert und war kurz vor seinem Tod gerade zum Studium an der Kunsthochschule Braunschweig zugelassen worden.

Am Abend des 16. August 2008 hatte Rick Langenstein gemeinsam mit Freunden die Diskothek „Fun Park“ in Magdeburg-Reform besucht und sich aber entschieden, in den frühen Morgenstunden alleine und ohne seine Freunde nach Hause zu gehen. Vor der Diskothek traf Rick Langenstein dann gegen 4 Uhr zufällig auf den wegen eines Angriffs auf einen Migranten vorbestraften bekennenden Neonazi Bastian O., der aufgrund seines aggressiven Auftretens und seiner Weigerung, seine Springerstiefel durch das Herunterkrempeln seiner Hose zu verdecken, von Sicherheitsleuten aus der Diskothek rausgeschmissen worden war.

In unmittelbarer Nähe des „Fun Park“ stieß der 19-jährige, größere und schwere Bastian O. dann auf Rick Langenstein. In der nicht-öffentlichen Hauptverhandlung vor dem Landgericht Magdeburg behauptete Bastian O. im Frühjahr 2009, er habe Rick Langenstein aufgefordert, ihm eine Zigarette zu geben. Der Kunststudent habe sich jedoch geweigert und ihn dabei als „Hobbynazi“ bezeichnet. Daraufhin habe er sich provoziert gefühlt, so Bastian O. weiter, und unvermittelt auf Rick Langenstein eingeschlagen. Immer wieder schlug Bastian O. mit seinen mit Quarzsand gefüllten Handschuhen auf den 20-Jährigen ein und misshandelte den schließlich am Boden Liegenden dann mit Tritten mit seinen Springerstiefeln – bis zur völligen Unkenntlichkeit seines Opfers. Gegen 4 Uhr morgens starb Rick Langenstein noch am Tatort an seinen schweren Verletzungen.

Verurteilung lediglich wegen Totschlags

Nach 15 nicht-öffentlichen Verhandlungstagen verurteilte die 2. Jugendkammer am Landgericht Magdeburg am 9. Mai 2009 Bastian O. schließlich zu acht Jahren Jugendstrafe wegen Totschlags und Diebstahls.

Für Prozessbeobachter unverständlich blieb, warum die Kammer die Auffassung vertrat, die bei dem Angeklagten festgestellten „Kontakte zu rechts gerichteten Personen“ und seine Tätowierungen mit nationalsozialistischen Symbolen, hätten mit der Tat nichts zu tun gehabt. Nach Ansicht der Richter erfolgte der tödliche Angriff „spontan aus der Begegnung“. Ebenso unverständlich war der Verweis des Vorsitzenden Richters, es seien bei dem Angeklagten keine Hinweise auf eine Betätigung in „nationalsozialistischen Organisationen“ gefunden worden. Dementsprechend wollte das Gerichtauch keine sonstigen so genannten niedrigen Beweggründe für die Gewalttat erkennen, die zwingend zu einer Einstufung der Tat als Mord geführt hätten.

Ein rassistischer Schläger

Bastian O. gehörte seit mehreren Jahren zum neonazistischen Kameradschaftsspektrum in Magdeburg. Er war der Mobilen Opferberatung schon seit 2006 als offensiv auftretender Neonazi bekannt. Am 15. Februar 2006 hatte der damals schon vorbestrafte Bastian O. einen togolesischen Studenten der Ingenieurswissenschaften mittags an einer Straßenbahnhaltestelle in Magdeburg rassistisch angepöbelt mit Sprüchen wie „Neger, was willst du hier in Deutschland“, ihn dann geschlagen und seinen Kampfhund auf ihn gehetzt. Der 27-jährige Student erlitt erhebliche Bissverletzungen. Er verließ kurz nach dem Angriff Magdeburg, weil er sich in der Stadt nicht mehr sicher fühlte.
Im Prozess im Mai 2006 stellte sich u.a. heraus, dass Bastian O. zwei Hakenkreuztätowierungen am Körper trägt und auch ansonsten seine neonazistischen Einstellungen offen zur Schau trägt. Das Jugendschöffengericht verurteilte O. damals u.a. wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer 20-monatigen Gesamtfreiheitsstrafe und stellte einen eindeutig rassistischen Hintergrund für den Angriff auf den Studenten aus Togo fest. Diese Haftstrafe hatte O. im Frühjahr 2008 verbüßt.

Als die Sicherheitsbehörden den Tod von Rick Langenstein und die Verhaftung des mutmaßlichen Täters Bastian O. bekannt gaben, wies die Staatsanwaltschaft Magdeburg zwar darauf hin, dass es sich bei dem Tatverdächtigen um einen bekannten rechtsextremen Gewalttäter handele. Dass möglicherweise auch ein rechter Hintergrund vorliegen könnte, teilte sie der Öffentlichkeit jedoch nicht mit.

Ein Gedenkstein in Sichtweite des Tatorts

Freundinnen und Freunde von Rick Langenstein waren sehr schnell mit der Forderung nach einem Gedenkort am Tatort an die Öffentlichkeit gegangen. Sie stellten Kerzen am Tatort auf und legten dort Blumen und Kränze nieder. Zudem baten sie sowohl die Mobile Opferberatung als auch die Stadt Magdeburg um Unterstützung bei der Realisierung ihrer Forderung. Mehr als 1.000 Menschen, darunter viele Schüler und Schülerinnen des Sophie-Scholl-Gymnasiums, unterschrieben eine entsprechende Petition. Allerdings weigerte sich der Besitzer des Teppichmarktes, auf dessen Gelände sich der Tatort befindet, der Errichtung eines Gedenkortes auf dem Grundstück zuzustimmen. Stattdessen wurde dann am 2. Juni 2009 der Gedenkstein für Rick Langenstein schließlich in Sichtweite zum Tatort öffentlich eingeweiht. Der große Feldstein trägt die Inschrift: „Im Gedenken an Rick. Rick wurde an dieser Kreuzung am 16.08.2008 durch feige und sinnlose Gewalt aus unseren Herzen gerissen. ‚In unseren Herzen wirst du immer weiter leben.’ Familie und Freunde von Rick“.

An dem Gedenkstein organisierte das „Bündnis gegen Rechts Magdeburg“ zuletzt im August 2013 anlässlich des fünften Todestags von Rick Langenstein eine Kundgebung, an der sich mehr als sechzig Menschen beteiligten.

Rick Langenstein wird von der Bundesregierung seit 2009 offiziell als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt.