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1. August 2008 — 50 Jahre

In der Nacht des 1. August 2008 wurde der 50-jährige Hans-Joachim Sbrzesny in einem Park in Dessau-Roßlau von zwei Neonazis getötet.

 

Wer war Hans-Joachim Sbrzesny?

Hans-Joachim Sbrzesny lebte bereits im Kleinkindalter in einem Kinderheim. Infolge einer geistigen Beeinträchtigung verließ er die Schule ohne Abschluss. Zu DDR-Zeiten wurde er daraufhin als sogenannter Teilfacharbeiter angelernt und in verschiedenen Bereichen als Hilfsarbeiter angestellt. Nach der Wende lebte er immer wieder im öffentlichen Raum oder fand Zuflucht in einer Obdachlosenunterkunft. Die letzten sieben Jahre seines Lebens wohnte er in einem Heim der Paul Riebeck Stiftung in Halle. Der Bereichsleiter der Stiftung beschreibt Hans-Joachim Sbrzesny als „Überlebenskünstler“ und kontaktfreudigen Menschen, der feste Bindungen jedoch eher vermied. Deshalb reiste er gern und viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Hans-Joachim Sbrzesny hinterließ eine Schwester.

 

Was ist passiert?

Knapp drei Wochen nach seinem 50. Geburtstag, am 31. Juli 2008, fuhr Hans-Joachim Sbrzesny mit der S-Bahn von Halle (Saale) in die etwa 50 Kilometer entfernte Stadt Dessau-Roßlau. Am Abend legte er sich zum Schlafen auf eine von Hecken umgebene Parkbank unweit des Dessauer Hauptbahnhofs, zog sich vorher noch seine Schuhe aus und deckte sich mit seiner Hose zu.

Gegen ein Uhr nachts entdeckten zwei 23- und 33-jährige polizeibekannte und wegen Gewaltdelikten vorbestrafte Neonazis den ärmlich gekleideten, schlafenden Mann. Zuvor hatten die beiden Männer mit Bekannten im Stadtpark von Dessau Alkohol getrunken und waren auf der Suche nach Opfern zu einem Streifzug durch die Stadt aufgebrochen. Sie stellten ihre Fahrräder ab und schlugen dem 50-Jährigen mit Fäusten ins Gesicht. Dann traten sie auf den Kopf des jetzt wehrlos auf dem Boden liegenden Mannes ein. Vor allem der 23-Jährige ging dabei mit extremer Brutalität vor. So ergriff er einen mehr als fünf Kilogramm schweren Müllbehälter aus Metall und schlug damit unzählige Male mit großer Wucht auf den Oberkörper Hans-Joachim Sbrzesnys ein. Durch die Gewalt der Schläge erlitt der 50-Jährige u.a. schwerste Verletzungen am Kopf und den inneren Organen, darunter tödliche Quetschungen am Herz und an der Lunge. Er verstarb noch am Tatort.

Anwohner*innen alarmierten die Polizei, die die beiden Täter in unmittelbarer Nähe des Tatortes festnahm. Der 33-Jährige war zuvor bereits als Teilnehmer von NPD-Veranstaltungen aufgefallen, hatte sich den Schriftzug „White Power“ tätowieren lassen und trug bei der Festnahme Kleidung der in der rechten Szene beliebten Marke „Thor Steinar“. Auf den Handys beider Männer fanden die Ermittler unter anderem Hakenkreuze, die Parole „Juden sind unser Unglück“ und Lieder neonazistischer Bands wie der „Zillertaler Türkenjäger“ und „Sturmwehr“.

 

Der Prozess gegen die Täter

Die Staatsanwaltschaft Dessau stellte in ihrer Anklage fest, die Täter hätten eine „tiefe innere Miss- und Verachtung“ für Hans-Joachim Sbrzesny empfunden und deshalb „aus ihrem Gefühl der Überlegenheit“ heraus den Entschluss gefasst, den 50-Jährigen zu töten. Im Prozess sagte ein Mithäftling unter Eid aus, der 23-Jährige habe ihm gegenüber in der Untersuchungshaft mit der Tat geprahlt und sein Opfer als „Unterbemittelten“ bezeichnet, der es deshalb „nicht anders verdient“ habe. Zudem schilderte er grausame Details, die ihm der Angeklagte von der Tat erzählt habe. So hätte sein Opfer in die Parkbank beißen müssen und er von hinten zugetreten.

Die zuständige 6. große Strafkammer des Landgerichts Dessau-Roßlau hatte jedoch Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zeugen und wollte nicht ausschließen, dass er seine Aussage ausgeschmückt hatte. Nach acht Verhandlungstagen erkannte sie im tödlichen Angriff auf den 50-Jährigen kein rechtes Tatmotiv. Am 17. April 2009 wurden beide Angeklagten wegen Mordes aus einem „sonst niedrigen Beweggrund“ verurteilt: Hans-Joachim Sbrzesny sei nur deshalb angegriffen worden, weil der 23-Jährige zuvor „schlechte Laune bekommen hatte“ und „jemand prügeln wollte“. Der 33-Jährige habe „diesen Beweggrund auch für sein Handeln“ akzeptiert und Hans-Joachim Sbrzesny als Erster angegriffen. Der 23-Jährige wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, der zur Tatzeit erheblich alkoholisierte 33-Jährige wegen seiner hohen Alkoholisierung zur Tatzeit zu zwölf Jahren Haft.

 

Öffentliches Gedenken an Hans-Joachim Sbrzesny

Erst fast sechs Jahre nach dem Mord, am 11. Juli 2014, wurde am „Tag der Erinnerung“ an Alberto Adriano und alle anderen Opfer rechter Gewalt auch erstmals öffentlich am Tatort mit Reden und Blumen Hans-Joachim Sbrzesnys gedacht. Seitdem finden sich die Teilnehmenden des Gedenkens an der Stele für Alberto Adriano im Anschluss an der Bank in der Nähe des Hauptbahnhofs zusammen, um auch an das Schicksal Hans-Joachim Sbrzesnys zu erinnern.

 

Hans-Joachim Sbrzesny wird von der Landesregierung nicht offiziell als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt.