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11. Juni 2000 — 39 Jahre
Passfoto Alberto-Adriano_bearbeitet 2

Alberto Adriano (39) wird am 11. Juni 2000 in Dessau bei einem rassistischen Angriff von Naziskins tödlich verletzt.

Am 14. Juni 2000 stirbt Alberto Adriano im Alter von 39 Jahren nach drei Tagen im Koma an den Kopfverletzungen, die ihm drei neonazistische Skinheads im Stadtpark von Dessau zugefügt hatten.

„Konsequent, immer nett, fürsorglich.“

Alberto Adriano war 1988 als einer der letzten Vertragsarbeiter aus Mosambik in die DDR gekommen. In Dessau arbeitete er als Fleischermeister – auch nach der Wende. 1990 lernte er seine spätere Ehefrau Angelika kennen, das Ehepaar hat drei Kinder. Sein ältester Sohn Belarmino, der zum Zeitpunkt der Ermorderung seines Vaters gerade einmal acht Jahre alt ist, beschreibt ihn als „konsequent, immer nett, fürsorglich“. Manchmal sei ihm Alberto Adriano „beinahe schüchtern“ vorgekommen, erinnert sich Razak Minhel, Geschäftsführer des Multikulturellen Zentrums, an gemeinsame Nachmittage mit Alberto Adrianos Familie im Stadtpark.

Den Abend des 10. Juni 2000 – ein Pfingstsonnabend – verbringt Alberto Adriano bei Freunden, mit denen er sich die Übertragung des Eröffnungsspiels der Fußball-Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden anschaut. Gegen 1 Uhr nachts macht er sich auf den Rückweg vom Fußball-Fernsehabend zu seiner Familie. Er muss dafür einen knappen halben Kilometer von der Wohnung seiner Freunde quer durch den Stadtpark von Dessau laufen.

Aufgeputscht vom „Afrika-Lied“

Dort begegnet Alberto Adriano drei neonazistischen Skinheads, die wenige Stunden zuvor am Dessauer Hauptbahnhof ihre Anschlusszüge in ihre jeweiligen Heimatstädte verpasst hatten: Christian R. (16) und Frank M. (16) aus der nahen Stadt Wolfen und Enrico H. (24) aus Finsterwalde (Brandenburg). Die drei jungen Männer schließen spontan Bekanntschaft – sie hatten anhand ihrer Naziskinhead-Outfits – Springerstiefel und kurz geschorene Haare – schnell erkannt, dass sie die politischen Überzeugungen der extremen Rechten teilen. Das Trio betrinkt sich und grölt indizierte Lieder, zum Beispiel das so genannte „Afrika-Lied“ der Neonazikultband „Landser“. Nach Mitternacht laufen die drei Naziskins durch die Dessauer Innenstadt und skandieren lauthals „Hier marschiert der Nationale Widerstand“, „Juden Raus“und „Heil Hitler“. Niemand stellt sich ihnen in den Weg.

Gegen 1:30 Uhr treffen die drei Naziskins auf Alberto Adriano. Noch auf der Straße, kurz vor dem Stadtpark, versperren sie ihm den Weg. „Die Angreifer finden ein Opfer ihres gemeinsamen Hasses“, stellte das Oberlandesgerichts Naumburg im August 2000 in seiner mündlichen Urteilsbegründung fest. „Der Ungeist des Afrika-Lieds entfaltet seine Wirkung.“ Mit unsagbarer Brutalität wird Alberto Adriano zu Tode gequält. Als er nach zahllosen Schlägen und Tritten ohnmächtig am Boden liegt, zertreten ihm die Angreifer mit ihren schweren Springerstiefeln den Schädel. Anwohner, die Alberto Adrianos Schmerzensschreie hören, alarmieren per Notruf die Polizei. Alberto Adriano wird schließlich im Stadtpark gefunden und ins Krankenhaus gebracht. Dort stirbt er am 14. Juni 2000, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben.

Ein bemerkenswertes Urteil

Am Ende eines außergewöhnlich zügigen Prozesses – zwischen Tat und Urteil lagen nur zwei Monate – wird ein ungewöhnlich deutliches Urteil gesprochen: Erstmals stellt ein Gericht öffentlich einen Zusammenhang zwischen dem mörderischen Rassismus der Täter und neonazistischer Musik fest. Enrico H. wird wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, seine jüngeren Mittäter zu jeweils neun Jahren Jugendhaft. Angelika Adriano ging ohne ihre Kinder zur Verkündung des Urteils. Sie hatte zuvor anonyme Morddrohungen erhalten.

„Reue“, sagte der Vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung, habe „keiner der Angeklagten im ernstzunehmenden Maße gezeigt“. Das zeigt sich auch an den Aktivitäten der Täter in der Haft. So wurde unter anderem bekannt, dass der Haupttäter Enrico H. aus dem Gefängnis heraus an dem neonazistischen „JVA Report“ mitarbeitete, ein Heft, das den „Austausch“ zwischen inhaftierten Rechtsextremisten und „der Bewegung“ draußen fördern soll. Die beiden jüngeren Mittäter Christian R. und Frank F. haben ihre Haftstrafen inzwischen abgesessen und befinden sich wieder in Freiheit.

Gedenken vor Ort und bundesweit

Eine knappe Woche nach dem Mord an Alberto Adriano demonstrierten am 16. Juni 2000 mehrere tausend Menschen in Dessau gegen Rassismus und neonazistische Gewalt. Insbesondere migrantische Initiativen und Organisationen kritisierten, dass es in vielen Fällen rassistischer Gewalt an einer adäquaten Strafverfolgung und solidarischer Unterstützung für die Betroffenen mangelte. „Brothers Keepers“, ein Zusammenschluss Schwarzer Deutscher Künstlerinnen und Künstler, reagierte mit dem Lied „Adriano: Letzte Warnung“ auf den Mord. Die damalige rot-grüne Bundesregierung berief sich unter anderem auf den Mord an Alberto Adriano, um im September 2000 einen Paradigmenwechsel in der staatlichen Auseinandersetzung mit der extremen Rechten einzuleiten und erstmals staatliche Förderprogramme u.a. zum Aufbau von Beratungsprojekten für Opfer rechter und rassistischer Gewalt und für kommunalpolitische Beratungsprojekte in den neuen Bundesländern und Berlin zu etablieren.

In Sachsen-Anhalt initiierten Miteinander e.V. und das Multikulturelle Zentrum Dessau einen Spendenaufruf für die Familie von Alberto Adriano, der von mehr als 50 Prominenten aus Kultur und Wissenschaft unterstützt wurde. Daraus entwickelte sich der „Hilfsfonds für Opfer rechter und rassistischer Gewalt“, der seit 2001 mehrere hundert Betroffene unbürokratisch unterstützt hat. Im Stadtpark von Dessau wurde schon kurz nach dem Mord von Alberto Adriano eine Gedenkstele am Tatort eingeweiht. Seitdem organisieren hier zivilgesellschaftliche Initiativen jährlich Gedenkveranstaltungen.

Alberto Adriano wird seit dem Jahr 2000 offiziell von der Bundesregierung als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt.